"Der Barock ist die Antwort der katholischen Kirche auf die verheerende Auswirkung der Reformation"

- Wolfgang Döbereiner, Münchner Rhythmenlehre

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Ideologische und theologische Auseinandersetzungen über Martin Luther und der Reformation von 1517 gibt es viele.  Eckhart Landes unternimmt in diesem Buch nicht nur eine fragmentarische Geschichtsaufbröselung, sondern setzt damit auch Kontrapunkte zur allgemeinen Luthereuphorie.

 

Aus aktuellem Anlass zu den im Jahr 1770 Geborenen wie Ludwig van Beethoven, Friedrich Hölderlin oder Georg Wilhelm Friedrich Hegel bieten wir einen Auszug über Johann Gottfried Tulla "Strom im Korsett" zum Lesen an. Auch er wurde vor 250 Jahren geboren. 

Strom im Korsett

Auszug aus : "Luther und seine Erben"

 

Oberst J.G. Tulla - Antibiotikum für den Rhein

 

Zu einem der größten, doch weniger bekannten Ingenieure des 19. Jahrhundert, gehört Johann Gottfried Tulla. Unter seinem technischen Wissen und Kommando gelang es erstmals, den Oberrhein, der seinerzeit als der 'wilde Rhein' bezeichnet wurde, einer Korrektion zu unterziehen. Eingereiht in 700 Jahre Strombaugeschichte steht Tulla als Beispiel einer groß angelegten, strategisch durchgeführten Flussbegradigung. Dieser Eingriff zerstörte eine bis dahin intakte Flusslandschaft; von Basel bis Mainz schlängelte sich in unzählig vielen Mäandern und Schlingen mit kleinen Inseln der Rhein in einer Breite von bis zu 3 km zwischen Schwarzwald und Vogesen hindurch. Sowohl Fruchtbarkeit und Leben für Fischer, Bauern, Töpfer und Goldwäscher als auch Leid und Tod durch Hochwasser und Überschwemmungen bedeutete der Rhein. Bis dahin war er als solcher geehrt als Vater Rhein im Bild des Gottes der Ströme, der 'seine Kinder nährt'. Heute ist er wie alle Flüsse und Ströme dieser Welt berichtigt, begradigt, gezüchtigt und in ein künstliches Korsett gepackt, und damit zum gegenwärtigen Zeichen kanalisierten Lebens und Denkens geworden. 

Johann Gottfried Tulla

 

wurde am 20.März 1770 in Karlsruhe als Sohn eines Pfarrers in Nöttingen bei Pforzheim geboren. Das Geschlecht der Tullas stammte aus Holland, dem Land der Deiche, Dämme und Kanäle, und kam zur Zeit des Dreißigjährigen Krieges nach Deutschland. Dort waren sie geachtete und ehrenwerte protestantische Theologen und Geistliche in Augsburg und Südbaden. Diese Tradition setzte sich über Generationen fort. Der erste, der mit ihr brach, war Johann Gottfried Tulla. Er war ein guter Schüler, so dass er das Gymnasium in Karlsruhe besuchte. Als auffallend zeigte sich seine Begabung mehr in Mathematik und anderen Naturwissenschaften als zur Theologie, so dass der Pfarrer Tulla auf Wunsch seines Sohnes nach langen Widerständen klein beigab und ihm das Erlernen der Feldmess- und Ingenieurkunst erlaubte; denn im Sinne der Tradition seiner Vorfahren hätte auch er Pfarrer werden sollen. Ganz jeder Art der Empfindsamkeit abgewandt galt Tulla's Interesse nur der abstrakten Schönheit und Klarheit der reinen Mathematik, der angewandten Mathematik und der Wunder der Physik und Technik, so dass sich früh ein ingenieurmäßiger Intellekt entwickelte.

Da aber dem Vater die Mittel für die weitere Ausbildung fehlten, erhielt er von Seiten seines Landesfürsten, dem Markgrafen Karl Friedrich von Baden - Durlach, ein Stipendium. ...

... Der Markgraf gestattete nach den Lehrjahren auch Wanderjahre an den Niederrhein, ein Bereich, der schon einige Begradigungen und Eingriffe über sich hatte ergehen lassen müssen. Der Vergleich mit den Verhältnissen am Oberrhein bot sich hier an. Der Plan eines durchgehenden Hochwasserschutzprogramms und einer Korrektion zeichnete sich, wenn auch zunächst noch vage, in Tullas zahlreichen Berichten über Deichbau, Faschinen**- und Kribbenanlagen und Uferbefestigungen ab, am deutlichsten jedoch in einem an den Markgrafen übersandten Gutachten, "Wie der Rhein bei Daxlanden (Karlsruhe) in Ordnung zu bringen sei". ... 

 

... Zwei Jahre vorher, im Jahr 1824, hatte der Rhein noch einmal seine schlimmsten Verwüstungen seit Menschen Gedenken durch ein verheerendes Hochwasser angerichtet. Der Strom überflutete flächenweise fruchtbares Land, Häuser und Menschen. Nur die Bereiche hinter Karlsruhe, die sonst immer stark betroffen gewesen waren, blieben durch die eben abgeschlossenen Korrektionsarbeiten verschont. Und das war der Beweis, in dem der Strom sich selbst von seiner kräftigsten und unberechenbarsten Seite zeigte, die letzten Kritiker, Widersacher und Unentschiedenen von der Richtigkeit der Tat einer Flussbegradigung zu überzeugen.

 

Tullas Lebenskraft ermüdete im erbitterten Kampf gegen den Rheinstrom und die Korrektionsgegner. Tiefe Melancholie, die sein Leben überschattete, Gicht, Blutstockungen und Blasensteinleiden ließen seine Leistungsfähigkeit und unbeugsame Willenskraft zuerst nicht daran hindern, sein Werk zu vollziehen. Doch nach weiterer Verschlimmerung der Blasensteine, begab er sich in die Hände des Pariser Arztes Civiale. Nach vierzehn Bohroperationen und anfänglicher Besserung verstarb Tulla am 27. März 1828 in Paris, und mit ihm das Geschlecht der Tullas. Sein Grabmahl steht auf dem Montmatre - Friedhof in Paris. ...

Reformation gleich Flussrektifizierung

 

Tulla lässt sich nicht nur aufgrund der familiären Herkunft zu den Erben Luthers einordnen, sondern auch durch sein Leben und Werk. Ähnlich wie Luthers Akt einer Reformation, der den damaligen Konflikt der Kirche und die Krise des europäischen Abendlandes nicht ausgehalten und in einen entzündlichen Prozess eingegriffen hatte, ist auch Tullas Flussbegradigung zu sehen. Durch das von ihrer Person geprägte Handeln wirkten sie wie ein Antibiotikum auf eine ganze Kulturepoche, auf eine ganze Kultur- und Flusslandschaft. Sie übersahen Ursache und Wirkung einer Gesamtentwicklung und stürzten sich auf den "Virus" ihrer Zeit. Dieser "Virus" war zwar dann unterdrückt, aber eine echte Veränderung kam nicht zustande. Als wachstumsgefährdend und lebenshemmend äußerte sich ihre Art der Heilung, ohne die Nebenwirkungen als Folgeschäden zu kennen und zu beachten. Sie haben die Welt mit ihren Ereignissen und Erscheinungen als ihre persönlichen Feinde gesehen, welche unter Kontrolle gebracht werden müssen.

Bei beiden war es vor allem der Konflikt mit dem eigenen Vater. Der eine stand in lebenslanger Auseinandersetzung mit dem drohenden 'Gott-Vater' als subjektive Verwechslung zum leiblichen Vater; trotzte damit jeder Einsicht und Verständnisfähigkeit.

Der andere züchtigte im Sinne einer Zwangsneurose den Rhein als den 'Vater Rhein'. Denn gezüchtigt werden muss all das, das frei, ungebändigt und voller Lust aus sich heraus lebt. Fröhlichkeit, Ausgelassenheit und kleine Laster haben keinen Platz in einer von Strenge geprägten Erziehung mit pietistisch moralischem Hintergrund. Strikte Verbotsanweisungen und absolute Enthaltsamkeit bis hin zur Frigidität gegenüber manchen menschlichen Ausformungen tauchen als eigene Lebensverneinung auf. Jede Art von innerer oder äußerer Regung wird als Abweichung des Normalen gewertet, und muss verhindert werden. Auch Tulla stellte sich im Trotz gegen den Himmel als Naturgewalt, weil ihm Demut, Einsichtsfähigkeit und Verständnis fehlten.

Für beide war es ein Lebenskampf gegen das Unbesiegbare bis hin zur vollständigen Ermüdung und Erschöpfung. Es war der Kampf gegen die Urkraft des Unvorhersehbaren wie z.B. des Wassers, des Lebens oder auch der Sexualität. Unter der Nicht-Achtung des natürlich Gewachsenen und Gewordenen wurde per Plan und Überzeugungsakte all das eliminiert und in ein grausames Korsett gepackt, was dem Ziel einer heilen Welt im Wege stand. ...

 

... Zum Schluss sei noch angemerkt, dass sowohl Tulla als auch Hölderlin am gleichen Tag und im selben Jahr geboren sind. Beide sind sie im heutigen Baden - Württemberg in der Nähe eines Flusses zur Welt gekommen (Tulla am Rhein und Hölderlin in Lauffen am Neckar). Beide hätten nach dem Willen ihrer Eltern Pfarrer werden sollen, dem sie nicht folgten. Beide waren überschattet von einer dumpfen Melancholie. Und beide beschäftigten sich mit verschiedenen Flüssen, insbesondere dem Rhein, allerdings auf sehr unterschiedliche Weise.

Bei Hölderlin ist der Strom wesenhaft. An der Seite des Stromes entstehen Städte, seine 'Kinder'. ...

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In dezidierter Stellungnahme beschreibt Landes Ansichten, um zum einen aus dem allgemein übereinstimmenden Einheitsbrei herauszutreten, und zum anderen ein Um- und Nachdenken anzuregen.

 

Eckhart Landes selbst stammt aus einem evangelisch-protestantischen Pfarrhaus mit verwandtschaftlicher Linie zu Luther. Aber gerade das macht den Reiz aus, kritisch und ohne Polemik diesen Bereich zu entlarven. Hier wird der Umgang mit Zeit und Geschehen aus geistig-religiösem Hintergrund lebendig.